Wahrscheinlich kennen Sie die Geschichte vom Sämann aus dem Lukasevangelium. Sie ist einer der Predigttexte des kommenden Sonntags.

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

(Lukas 8,4-8 in der Lutherübersetzung 2017 / Deutsche Bibelgesellschaft)

Der Mann streut seinen Samen aus, er tut es einfach - ohne jedes Beiwerk erzählt uns Jesus. Er freut sich, dass er so viel Samen beisammen hat. Er freut sich über seine Gaben. Er denkt nicht: Hoffentlich reicht es. Habe ich etwa zu wenig? Er streut einfach aus. Er ist dankbar für den Samen, den er hat und den er ausstreuen kann.

Der Sämann verschwendet seine Samen, und er freut sich auf das, was aufgehen wird.

Er streut lebensspendende Worte, Worte die zu toller Saat sich entfalten. Worte, die viel Frucht bringen. Worte von Liebe und Hoffnung, Worte von Frieden und Versöhnung. Wie sehr braucht unsere Welt in dieser Zeit diese lebensspendenden Worte. Es gibt viele, viel zu viele ganz andere Worte in der Welt, die todbringende Gewalt in sich tragen. Worte, die kränken, anstatt zu heilen. Worte, die zerstören, anstatt aufzubauen. Und manchmal habe ich das Gefühl: Solche Worte wachsen besonders gut und mit doppelter Geschwindigkeit. Um so wichtiger, dass uns hier ein ganz anderer Sämann begegnet. In seiner Lust zum Säen wirkt er fast ein wenig überschwänglich. Er ist kaum zu stoppen. Überall fallen die Samen hin: auf den harten Weg, den felsigen Boden unter die Dornen und Disteln. Gott sei Dank auch auf den guten Boden.

Nichts steht davon, dass er sich angstvolle Gedanken darüber macht, welcher Teil von den Samen aufgehen wird und welcher nicht.

Es wird deutlich, dass es zwei völlig verschiedene Lebenshaltungen sind: ob wir von der Angst um den Samen ausgehen, der verdorren kann, oder von der Freude und Vorfreude auf das, was aufgehen und Frucht bringen wird?
Damit ist eine völlig nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit nicht ausgeklammert: wenn ein Samen aufgehen will, gehört guter Boden dazu.
Und wo der gute Boden fehlt, kommt es zu den Misserfolgen und Katastrophen, die uns oft so fertig machen und uns grämen. Lebendige Samen können von den Vögeln gefressen werden, können verdorren, und - was besonders schlimm ist, sie können erstickt werden von Dornen.
Wer Ohren hat, der höre, sagt Jesus. Fallen uns selbst die Geschichten dazu ein? Wenn etwa liebende Worte gar nicht mehr gehört werden können, weil sie von dem Alltagslärm erstickt werden? Wenn Liebe sich dem Geld unterordnen muss? Wenn das freie Entfalten der eigenen Gaben erstickt wird, weil eben alles, was man tut, berechenbar sein muss?

Diese nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit kann traurig machen. Denn unser Wunsch ist, dass das Lebendige, Befreiende strömen kann und nicht erstickt wird. Und wir werden traurig, wenn wir an die Menschen denken, die von vielleicht undurchdringlichen Dornen umgeben sind. Aber diese Trauer ist etwas anderes als Angst. Uns sind Gaben geschenkt, die wir verschwenden dürfen. Wir wissen nicht im Voraus, wie viele von den Samen, die wir ausstreuen, aufgehen werden.
Aber die gute Saat geht auf. Das Wort Gottes trägt Frucht. Und es sind Früchte des Friedens und der Versöhnung, der Liebe und der Lebensfreude. Es gibt genug guten Boden. Vielleicht ist die Bodenfläche, auf der das Gute sich so schwer entfalten kann, prozentual größer. Trotzdem reicht der gute Boden aus, um das Reich Gottes sichtbar werden zu lassen. Trotz Vogelfraß, Fels und Dornengestrüpp - die Worte der Liebe und Hoffnung, des Friedens und der Versöhnung sind nicht zu zerstören. Lassen wir sie in uns getrost wachsen, sie bringen Frucht - hundertfältig. Streuen wir sie aus – in seiner Gelassenheit und Zuversicht.

 

Ihre Elke Seiter, Diakonin